RHEINISCHER MERKURWERBUNGWERBUNG
   SUCHEKONTAKTARCHIVLESERBRIEFEGAESTEBUCH
(Nr. 31, 01.08.2002)

DICK CHENEY / Den Vizepräsidenten hat seine Vergangenheit eingeholt

Freund des Kapitals

Bushs Stellvertreter sorgte für die nötige "Gravitas" in der Regierung. Das ist nun vorbei, seit auf ihn Skandale wie der von WorldCom zurückfallen.

Im Verdacht: Cheney soll als Manager vor Jahren die Aktionäre seiner Firma betrogen haben.
Foto: Reuters

Autor: JÖRG DREWEKE, Washington

Als George W. Bush während des Wahlkampfes im Herbst 2000 Richard ("Dick") Cheney als Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten festlegte, erschien das als gelungener Schachzug. Cheney war zwar kein sonderlich begnadeter Wahlkämpfer, verschaffte dem unerfahrenen Bush junior aber das nötige politische Gewicht für eine glaubwürdige Kandidatur. Für Cheney sprach vor allem, dass er trotz seiner umfangreichen Regierungserfahrung - unter anderem als Verteidigungsminister im Kabinett von Bushs Vater - keineswegs ein Berufspolitiker war, sondern auch auf eine erfolgreiche Karriere im Privatsektor verweisen konnte.
  Als Chef des Industrie- und Energieunternehmens Halliburton hatte er den Aktienpreis des Konzerns erheblich gesteigert. Cheney hielt, was Bush sich von ihm versprach. Hinter den Kulissen liefen die Fäden bei ihm zusammen, ob bei der Reform der US-Energiepolitk oder der Neuausrichtung der Außenbeziehungen. Loyal und verschwiegen, aber entschlossen im Auftreten gegenüber der Öffentlichkeit, setzte er die vom Präsidenten vorgegebene Marschrichtung durch. Seit den Angriffen des 11. September steht Cheney im Zentrum der US-Terrorbekämpfung.
  Doch die Attribute, die Cheney bis vor kurzem zum Symbol für die vermeintlichen Stärken des Bush-Teams machten, stehen jetzt stellvertretend für die politischen Schwachstellen der Regierung. Zahlreiche Unternehmensskandale - vom Energieunternehmen Enron bis hin zur WorldCom-Pleite und zu den Bilanzfehlern der Firma Qwest in Denver - haben das Schlaglicht auf die Verflechtungen der Administration mit dem "Big Business" geworfen.
  Im Mittelpunkt der ungewollten Aufmerksamkeit stehen der Präsident und sein Vize, die beide in der Vergangenheit in zweifelhafte Geschäfte verstrickt waren. Es ist schon länger bekannt, dass Präsident Bush - der in den neunziger Jahren ein stattliches Vermögen von rund 15 Millionen Dollar aufbauen konnte - diese finanziellen Erfolge weniger seinem unternehmerischen Können als guten Kontakten und dem einflussreichen Familiennamen verdankt.
  Doch jetzt richtet sich die Aufmerksamkeit auf einen Vorgang im Juni 1990, als Bush ein Aktienpaket der Ölfirma Harken - in deren Aufsichtsrat er damals saß - mit einem Gesamtwert von fast 850000 Dollar abstieß. Weil er die Harken-Anteile verkaufte, kurz bevor die Firma hohe Verluste meldete und die Aktie deutlich nachgab, war Bush seinerzeit ein Verstoß gegen Insidergesetze vorgeworfen worden. Bush wusste vor dem Verkauf um die Liquiditätsproblem des Unternehmens und wartete außerdem viel zu lange damit, die US-Börsenaufsicht SEC ("Securities and Exchange Commission") von dem Verkauf zu informieren.


Kein Nachweis möglich

  Die eingeleitete Untersuchung endete jedoch, ohne dass ihm ein Insiderhandel nachgewiesen werden konnte. Darauf weisen auch der Präsident und das Weiße Haus immer wieder hin, wenn sie auf die Vorgänge angesprochen werden. Gleichzeitig plädiert Bush weiterhin gegen eine Veröffentlichung der SEC-Untersuchungsakten - und hält damit selbst den Verdacht eines unlauteren Geschäfts am Leben.
  Präsident Bush muss fürchten, dass die Wähler ihn aufgrund seiner Vergangenheit mit der korrupten Unternehmenskultur von Firmen wie Enron in Verbindung bringen. Da hilft es wenig, dass auch andere Mitglieder seiner Administration - allen voran Dick Cheney - ebenfalls mit fragwürdigen Geschäftspraktiken aufgefallen sind. Dem Vizepräsidenten wird angelastet, dass Halliburton während seiner Zeit als Chief Executive Officer - und mit seinem Wissen - Gewinne als zu hoch ausgewiesen haben soll. Dadurch wurden die "Aktionäre des Unternehmens geschädigt", wie die Juristengruppe Judicial Watch in einer Klage gegen Cheney und Halliburton behauptet. Die Börsenaufsicht hat eine Untersuchung eingeleitet.
  Zu einem Zeitpunkt, wo viele Amerikaner den Wert ihrer oftmals in Aktien angelegten Altersvorsorge zusammenschmelzen sehen, entsteht der fatale Eindruck, dass ihre obersten Regierungsvertreter sich in der Vergangenheit mithilfe von Insidergeschäften und Buchführungstricks bereichert haben. Die oppositionellen Demokraten haben diese Vertrauenskrise bereits in den Mittelpunkt ihres Wahlkampfes gestellt. Sie hoffen, im November die Mehrheit im Repräsentantenhaus zu erringen und ihren knappen Vorsprung im Senat zu verteidigen. Alle Versuche des Präsidenten, durch öffentliche Auftritte - unter anderem in einer viel beachteten Rede an der Wall Street - das angeschlagene Vertrauen der Amerikaner in Unternehmen und Aktienmärkte wiederherzustellen, fanden wenig Resonanz. Bush kündigte ein härteres Vorgehen gegen unehrliche Manager und Unternehmen an; die Börse setzte aber zunächst ihre Talfahrt fort, bevor sie sich stabilisierte. Jüngsten Umfragen zufolge haben die Unternehmensskandale Bushs Popularität insgesamt noch keinen Abbruch getan.


Misstrauen der Wähler

  Aber nur noch die Hälfte der Wähler glaubt, dass die Regierung eine angemessene Wirtschaftspolitik verfolgt. Schlimmer noch, nur 40 Prozent der Amerikaner sind der Ansicht, dass Bush alle Fragen zu seiner eigenen Vergangenheit als Unternehmer aufrichtig und vollständig beantwortet hat. Bei Vizepräsident Cheney sind es sogar nur 20 Prozent. Die "Washington Post" spricht gar schon von einer "Clintonisierung" Bushs: Er ist populär, obwohl die meisten Wähler nicht von seiner persönlichen Integrität überzeugt sind.
  Für seine Partei ist dies angesichts der in drei Monaten anstehenden Kongresswahl nur ein schwacher Trost. Laut "New York Times" glauben zwei Drittel der Wähler, dass die Republikaner sich mehr um die Interessen der großen Unternehmen sorgen als um das Wohlergehen der einzelnen Bürger. Viele befürchten, dass sich der Eindruck vertieft, die Republikaner stünden der Business-Lobby zu nahe.
  Von den Demokraten eingebrachte Gesetzentwürfe zur Unternehmensreform, die weit über die von Bush befürworteten Maßnahmen hinausgingen, fanden daher auch bei republikanischen Kongressabgeordneten breite Unterstützung. Die meisten Beobachter stimmen überein, dass die Bush-Regierung sich bei diesem Thema klar in der Defensive befindet.
  Heute scheint es wenig wahrscheinlich, dass Bush oder Cheney tatsächlich eines betrügerischen Tatbestands schuldig befunden werden könnten. Die politische Dimension der Vertrauenskrise ist aber noch lange nicht ausgestanden - und könnte gerade auch für Dick Cheney noch viele unangenehme Fragen mit sich bringen.


Top

POLITIKInnenpolitikAußenpolitikGeschichteFragen der ZeitBundestagswahl 2002WIRTSCHAFTWirtschaftspolitikGeld & ServiceCHRIST&WELTGeist & GlaubeKirche internKULTURKulturtipsKuturreportLiteraturFilmMEDIENMedienComputerMERKUR PLUSReiseBildungBuchkritikBLICKPUNKTSERVICE


[ MERKUR.DE | POLITIK | WIRTSCHAFT | CHRIST + WELT | KULTUR | MEDIEN | MERKUR PLUS | BLICKPUNKT ]
[ LESERBRIEFE | ABO-SERVICE | LESERREISEN | IMPRESSUM | KONTAKT | REDAKTION | MEDIADATEN]
[ © Rheinischer Merkur online 2002 - www.merkur.de]