Berücksichtigt
man die generelle Rolle Kaliforniens als nationaler Trendsetter,
könnte einem anderen Regierungschef - diesmal an der Ostküste - in
einem Jahr ein ähnliches Schicksal blühen. Die Probleme, die Gray
Davis beschäftigen sind hausgemacht. Dank des Booms in der
Hightech-Branche konnte Kalifornien das Haushaltsjahr 2000 mit einem
Überschuss von 15 Mrd. $ abschließen. Doch anstatt das Geld sinnvoll
einzusetzen, erhöhten die Verantwortlichen die Ausgaben um über 20
Prozent.
Als die Rezession kam, fielen die Steuereinnahmen ins Bodenlose.
Zuletzt stieg das Haushaltsloch auf 38 Mrd. $. Dabei entspricht das
Defizit fast 40 Prozent des aktuellen Haushaltsvolumens - und knapp
drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Rating-Agentur Standard
& Poor’s stufte die Kreditwürdigkeit Kaliforniens so drastisch
herab, dass die Anleihen des Staates nicht mehr weit vom
Ramsch-Niveau entfernt sind.
Verschwenderische Steuersenkungen
Die prekäre Situation des kalifornischen Gouverneurs sollte den
US-Präsidenten George W. Bush nachdenklich stimmen. Auch in der
Amtszeit ist ein bemerkenswerter Umschwung von Haushaltsüberschüssen
zu Defiziten zu beobachten. Das aktuelle Defizit mag zwar "nur" 22
Prozent des Budgets betragen, die 525 Mrd. $ entsprechen aber
immerhin rund 4,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.
Gemessen am Überschuss, den Bush beim Amtsantritt 2001 erbte,
beläuft sich die Differenz zum aktuellen Defizit auf mehr als 850
Mrd. $ - annähernd sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Natürlich müssen die Rezession und die Ereignisse des 11. September
2001 berücksichtigt werden, wenn man sich mit Bushs Finanzpolitik
beschäftigt. Aber die verschwenderischen Steuersenkungen - deren
Wirkung offen ist - und das schlechte Wirtschaftsmanagement haben
ihre Wirkung auf den Haushalt nicht verfehlt.
Bush verbindet eine weitere Gemeinsamkeit mit Davis. Er ist einer
der erfolgreichsten Parteispendensammler der jüngeren Geschichte. Er
hat schon jetzt alle potenziellen Konkurrenten weit hinter sich
gelassen und die Kriegskasse der Republikanischen Partei gut
gefüllt. Allerdings besteht die Gefahr, dass diese Raffgier -
ähnlich wie Davis’ Sammeltalent - beim Wähler schlecht ankommt.
Denkzettel für Bush
Im Gegensatz zu Gray Davis genießt George W. Bush beachtliche
Popularität. Trotzdem kann sich das Blatt noch wenden. Bush junior
muss nach wie vor damit rechnen, dass seine Irak-Politik das Thema
ist, bei dem den US-Wählern irgendwann der Geduldsfaden reißt.
Auch wenn man - rechtlich gesehen - auf Bundesebene nicht
ernsthaft von der Gefahr eines Misstrauensvotums sprechen kann, so
ist es doch gut möglich, dass George W. nächstes Jahr mehr als nur
einen Denkzettel verpasst bekommt. Denn das im Jahr 1951
verabschiedete 22. Amendment zur Verfassung die Amtszeit
amerikanischer Präsidenten auf zweimal vier Jahre begrenzt hat, ist
die Wiederwahl bei erfolgreicher Arbeit in der ersten Periode
beinahe zum Anrecht des Amtsinhabers geworden.
Nur Lyndon B. Johnson stellte sich keiner zweiten Wahl - weil
klar war, dass er keine Chance hätte. Die Niederlagen von Jimmy
Carter 1980 und von George Bush senior 1992 lassen sich daher auch
als Misstrauensvotum interpretieren. Ähnliches würde dann für Bush
junior gelten, wenn er nächstes Jahr verliert. Und pikanterweise
wäre Bush dann aus den Gründen abgestraft worden, die Davis in
Kalifornien belasten.
Stephan-Götz Richter ist Herausgeber von The
Globalist.